
Gebo

Ich bin Gebo
Geschenk, Austausch und Verbindung.
Gebo ist die siebte Rune des Älteren Futhark. Ihr Lautwert ist G.
Schlüsselwörter
Geschenk, Austausch und Verbindung.
Gebo ist die siebte Rune des Älteren Futhark. Ihr Lautwert ist G.
Name und Herkunft
Für das Ältere Futhark wird der Runenname als *Gebō rekonstruiert.
Seine Bedeutung ist Gabe oder Geschenk. Das Wort gehört zu derselben germanischen Wortfamilie wie unser Verb geben.
In der altenglischen Runentradition begegnet die Rune als Gyfu, ebenfalls mit der Bedeutung Gabe beziehungsweise Geschenk.
Damit gehört Gebo zu den Runen, deren grundlegendes Namensfeld vergleichsweise klar ist.
Eine Gabe ist zunächst etwas, das von einem Menschen zu einem anderen gelangt.
Doch damit entsteht mehr als nur ein Besitzwechsel.
Jemand gibt.
Jemand nimmt an.
Und zwischen beiden entsteht eine Verbindung.
Für meine Arbeit liegt genau dort der Kern von Gebo:
im Geben, im Empfangen und in dem, was zwischen beiden entsteht.
Grundbedeutung
Für mich steht Gebo für Geschenk, Austausch, Verbindung und ein ausgewogenes Geben und Empfangen.
Nicht jede Gabe muss materiell sein.
Zeit kann ein Geschenk sein.
Vertrauen.
Hilfe.
Wissen.
Aufmerksamkeit.
Liebe.
Oder einfach die Bereitschaft, für jemanden da zu sein.
Gebo erinnert mich aber auch daran, dass Geben und Nehmen miteinander verbunden sind.
Dabei bedeutet Ausgleich für mich nicht, dass jede Gabe sofort mit etwas Gleichwertigem zurückgezahlt werden muss.
Eine Beziehung ist keine Rechnung.
Aber wenn auf Dauer immer nur einer gibt und der andere nur nimmt, verändert sich etwas.
Gebo macht für mich deshalb sichtbar, wie Verbindung entsteht und ob sie noch von beiden Seiten getragen wird.
Gebo in der Wahrsagung
Wenn ich Gebo in einer Runenbefragung ziehe, schaue ich auf Beziehungen, Austausch und das Verhältnis zwischen Geben und Empfangen.
Sie kann auf eine Partnerschaft hinweisen.
Auf eine Freundschaft.
Auf Zusammenarbeit.
Auf Unterstützung.
Oder tatsächlich auf ein Geschenk beziehungsweise eine Möglichkeit, die mir angeboten wird.
Gebo kann auch zeigen, dass zwei Menschen oder zwei Seiten einer Situation gut miteinander wirken können.
Dann frage ich:
Was wird dir gegeben?
Was gibst du selbst?
Und ist zwischen beiden Seiten noch ein wirklicher Austausch vorhanden?
Denn auch Gebo besitzt eine andere Seite.
Nicht jedes Geschenk ist frei von Erwartungen.
Manchmal wird gegeben, um etwas zurückzubekommen.
Manchmal entsteht aus Hilfe eine Verpflichtung.
Und manchmal geben wir so viel von uns selbst, dass am Ende kaum noch etwas für uns übrig bleibt.
Dann kann Gebo auf Ungleichgewicht, Abhängigkeit, einseitige Beziehungen, versteckte Erwartungen oder Schwierigkeiten beim Geben und Annehmen aufmerksam machen.
Auch das Empfangen kann schwierig sein.
Wer immer nur geben möchte, lässt dem anderen manchmal gar keine Möglichkeit, selbst etwas beizutragen.
Für mich fragt Gebo deshalb nicht nur:
Was kannst du geben?
Sondern ebenso:
Kannst du auch annehmen?
Welche Seite sich zeigt, ergibt sich aus der Frage, ihrer Lage innerhalb der Befragung und den Runen, die sie begleiten.
Befragung und den Runen, die sie begleiten.
Die Botschaft von Gebo
Gebo erinnert mich daran, dass Verbindung Bewegung zwischen Menschen braucht.
Ich kann geben.
Ich kann empfangen.
Und ich darf beides.
Eine Gabe verliert für mich ihren Wert nicht dadurch, dass ich etwas zurückbekomme.
Aber sie verändert sich, wenn sie nur gegeben wird, um eine Gegenleistung zu erzwingen.
Gebo fragt:
Gibst du aus freien Stücken?
Kannst du annehmen, ohne dich dafür schuldig zu fühlen?
Und tragen beide Seiten die Verbindung, die zwischen euch entstanden ist?
Für mich liegt die Botschaft von Gebo deshalb nicht im Aufrechnen.
Sie liegt im bewussten Austausch.
Denn eine Verbindung wird nicht dadurch wertvoll, dass beide immer dasselbe geben.
Sondern dadurch, dass beide etwas hineintragen.
Aus der Überlieferung
Für Gebo besitzen wir nur einen erhaltenen Vers aus den späteren Runengedichten.
Das liegt daran, dass die eigenständige G-Rune bei der Entwicklung zum Jüngeren Futhark verschwand. Die norwegischen und isländischen Runengedichte mit ihren sechzehn Runen besitzen deshalb keine entsprechende Gebo-Strophe.
Erhalten ist dagegen die altenglische Tradition.
Im altenglischen Runengedicht erscheint Gyfu als Gabe beziehungsweise Großzügigkeit.
Die Strophe verbindet das Geben mit Ansehen und Würde, aber auch mit Hilfe und Lebensunterhalt für einen Menschen, dem es an anderem fehlt.
Damit erscheint die Gabe dort nicht nur als schöner Gegenstand.
Sie kann einen Menschen unterstützen.
Sie kann ihm etwas geben, das er gerade braucht.
Und sie wirkt auch auf die Beziehung zwischen Menschen.
Das Runengedicht ist keine alte Anleitung zur Wahrsagung.
Aber für mich zeigt es etwas, das bis heute in Gebo steckt:
Eine Gabe kann mehr weitergeben als das, was man in der Hand hält.
Mit Gebo arbeiten
Ich arbeite mit Gebo, wenn es um Partnerschaft, Freundschaft, Zusammenarbeit, Vertrauen, Dankbarkeit und einen bewussten Austausch geht.
Ich nehme sie, wenn eine Verbindung gestärkt werden soll.
Wenn ich mir ansehen möchte, ob Geben und Empfangen noch im Gleichgewicht stehen.
Oder wenn ich mich bewusst mit dem beschäftigen möchte, was mir von anderen Menschen gegeben wurde und was ich selbst weitergeben kann.
Auch bei einer Gabe oder einem Geschenk kann Gebo für mich ihren Platz haben.
Nicht um jemanden an mich zu binden.
Sondern um die Bedeutung hinter der Gabe bewusst zu machen.
Denn für mich ist nicht nur entscheidend, was gegeben wird.
Auch die Absicht dahinter gehört dazu.
Meine Sicht auf Gebo
Für mich ist Gebo eine Rune der Verbindung.
Dabei denke ich nicht an eine perfekte Hälfte, die einen anderen Menschen erst vollständig macht.
Zwei Menschen dürfen ganz sein und sich trotzdem etwas geben.
Vielleicht gerade deshalb.
Ich muss nicht alles allein tragen.
Ich darf Hilfe annehmen.
Ich darf Wissen weitergeben.
Ich darf etwas schenken, ohne dafür sofort etwas zurückzufordern.
Und ich darf erkennen, wenn ein Austausch mich auf Dauer mehr kostet, als er mir oder dem anderen noch gibt.
Gebo erinnert mich deshalb an etwas sehr Einfaches:
Eine gute Verbindung braucht Raum für beide Seiten.
Geben.
Empfangen.
Und das, was dazwischen wächst.