Hagalaz

Ich bin Hagalaz

Umbruch, Läuterung und Veränderung.

Hagalaz ist die neunte Rune des Älteren Futhark. Ihr Lautwert ist H.

Schlüsselwörter

Umbruch · Veränderung · Erschütterung · Naturkraft · Krise · Läuterung · Loslassen · Neuordnung

Name und Herkunft

Für das Ältere Futhark wird der Runenname als *Haglaz beziehungsweise *Hagalaz rekonstruiert.

Seine Bedeutung ist Hagel.

Anders als bei einigen Runen, deren Namen in den späteren Überlieferungen deutlich auseinandergehen, ist dieses Bedeutungsfeld bei Hagalaz sehr stabil.

Im Altenglischen begegnet die Rune als Hægl, im Altnordischen als Hagall. Beide bedeuten ebenfalls Hagel.

Das Bild dahinter ist unmittelbar.

Hagel kommt plötzlich.
Er lässt sich nicht aufhalten.
Er kann innerhalb kurzer Zeit etwas beschädigen oder zerstören.

Doch er bleibt nicht.

Er schmilzt und wird wieder zu Wasser.

Für meine Arbeit liegt genau darin etwas Wesentliches von Hagalaz:

Eine Veränderung kann heftig sein, ohne für immer anzudauern.

Grundbedeutung

Für mich steht Hagalaz für Umbruch, Erschütterung, Veränderung und die Kräfte, die sich meiner vollständigen Kontrolle entziehen.

Sie ist keine Rune einer sanften Veränderung.

Hagalaz kann etwas unterbrechen.

Eine Ordnung erschüttern.
Einen Plan durchkreuzen.
Etwas aufbrechen, das lange fest gewesen ist.

Das bedeutet für mich aber nicht automatisch, dass jede Zerstörung etwas Gutes hervorbringt.

Nicht jeder Verlust ist notwendig.

Nicht jede Krise geschieht, damit wir daraus etwas lernen.

Manche Dinge sind einfach schwer.

Doch wenn etwas bereits geschehen ist, stellt Hagalaz eine andere Frage:

Was mache ich jetzt mit dem, was geblieben ist?

Darin liegt für mich auch ihre Läuterung.

Nicht als Bestrafung.

Sondern als ein Moment, in dem nach einer Erschütterung deutlicher sichtbar werden kann, was noch trägt und was neu geordnet werden muss.

Hagalaz in der Wahrsagung

Wenn ich Hagalaz in einer Runenbefragung ziehe, schaue ich besonders auf das, was nicht mehr nach dem bisherigen Plan verläuft.

Sie kann auf eine plötzliche Veränderung hinweisen.

Auf eine Unterbrechung.

Auf äußere Umstände, die ich nicht vollständig beeinflussen kann.

Oder auf eine Situation, in der etwas so fest geworden ist, dass erst eine Erschütterung wieder Bewegung hineinbringt.

Dann frage ich:

Was verändert sich gerade?

Was kannst du beeinflussen – und was nicht?

Woran hältst du fest, obwohl die Situation längst eine andere geworden ist?

Hagalaz kann auch zeigen, dass Widerstand zusätzliche Kraft kostet.

Wenn der Hagel bereits fällt, kann ich ihn nicht zurück in den Himmel schicken.

Ich kann aber entscheiden, wie ich mit dem umgehe, was geschieht.

Dabei besitzt Hagalaz für mich keine einfache gute oder schlechte Seite.

Sie kann Verlust, Chaos, Konflikt, einen unerwarteten Einschnitt oder das Zusammenbrechen bisheriger Strukturen anzeigen.

Sie kann aber ebenso sichtbar machen, dass etwas, das keinen Bestand mehr hatte, endgültig aufbricht.

Manchmal liegt die Schwierigkeit nicht in der Veränderung selbst.

Sondern darin, dass ich versuche, den alten Zustand um jeden Preis wiederherzustellen.

Für mich fragt Hagalaz deshalb:

Was ist wirklich verloren – und was versucht nur, eine neue Form zu finden?

Welche Bedeutung sie in einer Befragung bekommt, ergibt sich aus der Frage, ihrer Lage und den Runen, die sie begleiten.

Die Botschaft von Hagalaz

Hagalaz erinnert mich daran, dass ich nicht alles kontrollieren kann.

Ich kann planen.

Ich kann vorbereiten.

Ich kann Entscheidungen treffen.

Und trotzdem kann etwas geschehen, das meinen Weg verändert.

Dann entscheidet sich nicht immer, ob ich stark genug bin, das Geschehen zu verhindern.

Manchmal entscheidet sich vielmehr, wie ich danach weitergehe.

Hagalaz fragt:

Was steht noch?

Was ist zerbrochen?

Was davon möchte ich überhaupt wieder aufbauen?

Denn nicht alles, was einmal da war, muss wieder genauso werden.

Für mich liegt genau darin die Botschaft dieser Rune:

Veränderung kann mir etwas nehmen. Aber sie kann mich auch zwingen, neu hinzusehen.

Aus der Überlieferung

Bei Hagalaz sind sich die späteren Runengedichte in einem wesentlichen Punkt ungewöhnlich einig:

Sie sprechen alle vom Hagel.

Im altenglischen Runengedicht erscheint Hægl als das weißeste der Körner. Es fällt aus dem Himmel, wird vom Wind umhergetrieben und wird schließlich wieder zu Wasser.

Im norwegischen Runengedicht wird Hagall als das kälteste der Körner bezeichnet. Die zweite Zeile spricht von Christus, der die alte Welt erschaffen habe – ein deutlicher Hinweis darauf, dass dieses Gedicht aus einer bereits christlich geprägten Zeit stammt.

Auch das isländische Runengedicht beschreibt Hagall als kaltes Korn und verbindet es mit heftigem Niederschlag.

Das Bild bleibt damit über verschiedene spätere Überlieferungen hinweg erstaunlich beständig:

Etwas Kaltes und Hartes fällt plötzlich vom Himmel.

Es kann treffen und beschädigen.

Doch anschließend verändert es seine Form.

Es wird Wasser.

Die Runengedichte sind keine alten Wahrsagungsanleitungen.

Aber dieses überlieferte Bild erklärt sehr gut, warum Hagalaz in der heutigen Runenarbeit so häufig mit plötzlicher Veränderung und Kräften außerhalb unserer Kontrolle verbunden wird.

Mit Hagalaz arbeiten

Ich arbeite mit Hagalaz, wenn ich mich in einer Zeit des Umbruchs, der Veränderung oder der Neuordnung befinde.

Ich nehme sie, wenn alte Strukturen aufbrechen und ich noch nicht weiß, welche Form danach entstehen wird.

Wenn ich etwas loslassen muss.

Wenn ein Plan nicht mehr trägt.

Oder wenn ich merke, dass ich zu viel Kraft darauf verwende, etwas festzuhalten, das sich längst verändert hat.

Dabei verwende ich Hagalaz nicht leichtfertig als Rune, um Zerstörung herbeizuführen.

Für mich liegt ihre Kraft nicht darin, wahllos etwas niederzureißen.

Ich arbeite mit ihr vielmehr dann, wenn die Veränderung bereits da ist oder wenn ich bewusst bereit bin, eine festgefahrene Struktur zu hinterfragen.

Hagalaz hilft mir nicht dabei, alles zu kontrollieren.

Sie erinnert mich daran, auch im Ungeordneten handlungsfähig zu bleiben.

Meine Sicht auf Hagalaz

Für mich ist Hagalaz keine angenehme Rune.

Aber sie ist auch keine böse Rune.

Sie zeigt mir etwas, das zum Leben gehört:

Nicht alles bleibt, wie es ist.

Manchmal verändert sich etwas langsam.

Und manchmal kommt der Hagel.

Dann hilft es mir nicht, so zu tun, als wäre nichts geschehen.

Ich muss hinsehen.

Was ist noch da?

Was braucht Schutz?

Was muss ich loslassen?

Und was kann aus dem entstehen, was übrig geblieben ist?

Für mich bedeutet Läuterung bei Hagalaz deshalb nicht, dass eine Krise nötig oder gut gewesen sein muss.

Es bedeutet, nach dem Sturm klarer zu erkennen.

Manches kann wieder aufgebaut werden.

Manches bekommt eine andere Form.

Und manches darf dort bleiben, wo es zerbrochen ist.