Mannaz

Ich bin Mannaz

Mensch, Selbst und Gemeinschaft.

Mannaz ist die zwanzigste Rune des Älteren Futhark. Ihr Lautwert ist M.

Schlüsselwörter

Mensch · Selbst · Gemeinschaft · Selbsterkenntnis · Bewusstsein · Beziehung · Zugehörigkeit · Zusammenarbeit

Name und Herkunft

Für das Ältere Futhark wird der Runenname als *Mannaz rekonstruiert.

Seine Bedeutung ist Mensch, menschliches Wesen.

Im Altenglischen begegnet die Rune als Mann, im Altnordischen als Maðr.

Damit besitzt Mannaz einen sehr unmittelbaren historischen Kern.

Sie handelt nicht zuerst von etwas Fernem.

Nicht von einem Naturereignis.

Nicht von Besitz.

Nicht von einem Tier.

Sie handelt vom Menschen.

Und damit für mich auch von all seinen Widersprüchen.

Von Stärke und Schwäche.

Von Eigenständigkeit und Gemeinschaft.

Von Wissen und Irrtum.

Von dem, was wir alleine können – und dem, wofür wir einander brauchen.

Grundbedeutung

Für mich steht Mannaz für Menschsein, Selbsterkenntnis, Bewusstsein, Gemeinschaft und die Beziehung zwischen dem eigenen Ich und anderen Menschen.

Ich bin ein einzelner Mensch.

Mit meiner eigenen Geschichte.

Meinen Erfahrungen.

Meinen Gedanken.

Meinen Entscheidungen.

Aber ich lebe nicht außerhalb der Welt.

Andere Menschen begegnen mir.

Sie berühren mein Leben.

Sie spiegeln mir etwas.

Sie unterstützen mich.

Sie fordern mich heraus.

Und manchmal zeigen gerade Konflikte sehr deutlich, wo meine eigenen Themen liegen.

Mannaz fragt mich deshalb:

Wer bist du?

Aber sie bleibt dort nicht stehen.

Sie fragt ebenso:

Wer bist du im Umgang mit anderen?

Für mich gehört beides zusammen.

Ich kann mich selbst kennen und trotzdem gemeinschaftsfähig sein.

Ich kann Teil einer Gemeinschaft sein und trotzdem meine eigene Stimme behalten.

Mannaz in der Wahrsagung

Wenn ich Mannaz in einer Runenbefragung ziehe, schaue ich besonders auf den Menschen innerhalb der Frage.

Das klingt zunächst selbstverständlich.

Ist es aber oft nicht.

Wir schauen schnell darauf, was andere tun.

Was die Umstände tun.

Was das Schicksal tut.

Mannaz lenkt den Blick zurück:

Welche Rolle spielst du selbst in dieser Situation?

Sie kann auf Selbsterkenntnis hinweisen.

Auf Unterstützung durch andere Menschen.

Auf Gemeinschaft.

Auf Zusammenarbeit.

Auf Lernen.

Oder darauf, dass ein Problem nicht allein gelöst werden muss.

Manchmal zeigt sie auch einen bestimmten Menschen oder die menschliche Ebene einer Situation besonders deutlich.

Dann frage ich:

Was ist dein Anteil?

Was kannst du verändern?

Wo brauchst du einen anderen Menschen?

Und wo machst du dich abhängig davon, wie andere dich sehen?

Denn auch Mannaz besitzt eine Schattenseite.

Selbstbewusstsein kann zum Ego werden.

Gemeinschaft kann Anpassung verlangen.

Zugehörigkeit kann dazu führen, dass ich mich selbst verliere.

Und manchmal ziehe ich mich so weit zurück, dass ich schließlich nur noch meine eigene Sicht höre.

Dann kann Mannaz auf Isolation, Selbsttäuschung, Egoismus, Abhängigkeit von Anerkennung, Gruppendruck oder fehlende Selbstreflexion hinweisen.

Sie kann aber auch zeigen, dass jemand ständig Verantwortung für andere übernimmt und dabei vergisst, selbst Mensch sein zu dürfen.

Nicht allwissend.

Nicht unerschöpflich.

Nicht fehlerfrei.

Die Botschaft von Mannaz

Mannaz erinnert mich daran:

Ich muss nicht alles allein können.

Aber ich darf auch nicht erwarten, dass andere meinen Weg für mich gehen.

Gemeinschaft kann tragen.

Rat kann helfen.

Liebe kann stärken.

Doch am Ende bleiben manche Entscheidungen meine eigenen.

Mannaz fragt:

Was erkennst du über dich selbst?

Was lernst du durch andere?

Und wo darfst du deinen eigenen Platz einnehmen?

Für mich besitzt diese Rune deshalb viel mit Eigenverantwortung zu tun.

Nicht als Last.

Sondern als Möglichkeit.

Ich darf zuhören.

Ich darf lernen.

Ich darf Hilfe annehmen.

Und ich darf trotzdem selbst entscheiden.

Aus der Überlieferung

Die späteren Runengedichte bewahren die Bedeutung Mensch sehr deutlich.

Im altenglischen Runengedicht ist der Mensch seinen Angehörigen lieb und eine Quelle der Freude.

Doch die Strophe endet nicht bei diesem schönen Bild.

Sie erinnert gleichzeitig daran, dass jeder Mensch sterblich ist und eines Tages der Erde zurückgegeben wird.

Auch die skandinavischen Überlieferungen verbinden Maðr mit dem Menschen und seiner Vergänglichkeit.

Das finde ich bemerkenswert.

Die alten Texte idealisieren den Menschen nicht.

Gemeinschaft und Endlichkeit stehen nebeneinander.

Wir sind füreinander wichtig.

Und wir sind nicht für immer da.

Die Runengedichte sind keine Wahrsagungsanleitungen.

Aber diese Verbindung von Menschsein, Beziehung und Vergänglichkeit gibt Mannaz eine Tiefe, die ich in meiner Arbeit nicht verlieren möchte.

Mit Mannaz arbeiten

Ich arbeite mit Mannaz, wenn es um Selbsterkenntnis, Beziehungen, Gemeinschaft und persönliche Entwicklung geht.

Wenn ich meinen eigenen Anteil an einer Situation klarer sehen möchte.

Wenn ich mich frage, warum bestimmte Begegnungen immer wieder ähnliche Gefühle auslösen.

Wenn Zusammenarbeit notwendig ist.

Oder wenn ich mich wieder daran erinnern möchte, dass ich nicht alles allein tragen muss.

Spirituell ist Mannaz für mich ebenfalls wichtig.

Denn mein spiritueller Weg findet nicht nur in Ritualen statt.

Er zeigt sich auch darin, wie ich Menschen begegne.

Wie ich mit ihnen spreche.

Wie ich Grenzen setze.

Wie ich Verantwortung übernehme.

Wie ich vergebe.

Und wie ich erkenne, dass auch ich Fehler machen kann.

Meine Sicht auf Mannaz

Für mich ist Mannaz eine sehr menschliche Rune.

Vielleicht gerade deshalb eine besonders wichtige.

Wir können viel lernen.

Wir können spirituell arbeiten.

Wir können Wissen sammeln.

Wir können Rituale durchführen.

Und trotzdem bleiben wir Menschen.

Mit Gefühlen.

Mit Fehlern.

Mit Grenzen.

Mit Entscheidungen.

Ich glaube nicht daran, dass ein spiritueller Weg uns über das Menschsein erhebt.

Für mich sollte er uns eher bewusster darin machen.

Ich muss nicht perfekt sein.

Aber ich kann hinsehen.

Ich kann lernen.

Ich kann Verantwortung übernehmen.

Und ich kann mich verändern.

Mannaz erinnert mich:

Ich darf ich selbst sein, ohne nur um mich selbst zu kreisen.

Und ich darf Teil eines Ganzen sein, ohne mich darin zu verlieren.