
Wunjo

Ich bin Wunjo
Freude, Harmonie und Zugehörigkeit.
Wunjo ist die achte Rune des Älteren Futhark. Ihr Lautwert ist W.
Schlüsselwörter
Freude · Harmonie · Zugehörigkeit · Wohlbefinden · Gemeinschaft · Zufriedenheit · Einklang · Erfüllung
Name und Herkunft
Für das Ältere Futhark wird der Runenname als *Wunjō rekonstruiert.
Seine Bedeutung liegt im Bereich von Freude, Wonne und Wohlbefinden. Sprachlich gehört dazu auch unser heutiges deutsches Wort Wonne.
In der altenglischen Runentradition begegnet die Rune als Wynn, ebenfalls mit der Bedeutung Freude beziehungsweise Vergnügen.
Damit gehört Wunjo zu den Runen, deren historisches Namensfeld vergleichsweise gut nachvollziehbar ist.
Dabei bedeutet Freude nicht zwangsläufig einen kurzen Moment der Begeisterung.
Schon die spätere altenglische Überlieferung verbindet Wynn mit einem Zustand, in dem ein Mensch genügend Sicherheit und Wohlergehen besitzt und nur wenig von Sorge und Schmerz bedrängt wird.
Für meine Arbeit liegt darin etwas Wesentliches von Wunjo:
Freude entsteht nicht nur aus dem, was ich bekomme. Sie kann auch daraus entstehen, wahrzunehmen, was bereits trägt.
Grundbedeutung
Für mich steht Wunjo für Freude, Harmonie, Wohlbefinden und Zugehörigkeit.
Dabei denke ich nicht an ein Leben ohne Schwierigkeiten.
Freude bedeutet für mich nicht, dass alles immer leicht sein muss.
Licht und Schatten gehören zusammen.
Gerade deshalb kann ich Freude bewusst wahrnehmen, wenn sie da ist.
Wunjo kann ein Moment sein, in dem etwas zusammenpasst.
Wenn ich mich an einem Ort zugehörig fühle.
Wenn Menschen miteinander statt gegeneinander arbeiten.
Wenn nach einer schwierigen Zeit wieder Ruhe einkehrt.
Oder wenn ich erkenne:
Es ist nicht alles perfekt. Aber etwas ist gerade gut.
Für mich liegt darin die Kraft von Wunjo.
Nicht im ständigen Streben nach Glück.
Sondern in der Fähigkeit, Freude zu erkennen und anzunehmen.
Wunjo in der Wahrsagung
Wenn ich Wunjo in einer Runenbefragung ziehe, schaue ich auf das, was Freude bringt, verbindet oder wieder in Einklang kommen kann.
Sie kann auf eine erfreuliche Entwicklung hinweisen.
Auf Gemeinschaft.
Auf ein gutes Miteinander.
Auf Zufriedenheit mit dem, was erreicht wurde.
Oder auf einen Moment, in dem eine belastende Situation leichter wird.
Wunjo kann mir auch zeigen, dass ich etwas erreicht habe, ohne es wirklich wahrzunehmen.
Dann frage ich:
Was darfst du gerade genießen?
Wo fühlst du dich wirklich zugehörig?
Und kannst du das Gute annehmen, ohne sofort nach dem nächsten Ziel zu suchen?
Doch auch Wunjo besitzt eine andere Seite.
Harmonie kann nur nach außen bestehen.
Ein Lächeln kann etwas verdecken.
Und manchmal versuchen wir so sehr, glücklich zu wirken oder Frieden zu erhalten, dass wir dabei übergehen, was eigentlich ausgesprochen oder verändert werden müsste.
Dann kann Wunjo auf Unzufriedenheit, Einsamkeit, fehlende Zugehörigkeit, Disharmonie oder eine nur scheinbar heile Situation aufmerksam machen.
Für mich bedeutet diese Seite der Rune nicht, dass Freude falsch ist.
Sie fragt vielmehr:
Ist das, was sich harmonisch anfühlt, auch wirklich stimmig?
Welche Seite sich zeigt, ergibt sich aus der Frage, ihrer Lage innerhalb der Befragung und den Runen, die sie begleiten.
Die Botschaft von Wunjo
Wunjo erinnert mich daran, Freude nicht immer auf später zu verschieben.
Wenn dieses Ziel erreicht ist.
Wenn jenes Problem verschwunden ist.
Wenn irgendwann alles richtig ist.
Dieses Irgendwann kann sehr weit entfernt sein.
Wunjo fragt:
Was ist jetzt schon gut?
Wo bist du angekommen?
Was trägt dich?
Und mit wem fühlst du dich verbunden?
Für mich bedeutet Zufriedenheit nicht, keine Wünsche oder Ziele mehr zu haben.
Sie bedeutet, den Wert des Augenblicks nicht zu verlieren, nur weil der Weg noch weitergeht.
Wunjo sagt mir deshalb:
Du darfst weitergehen und trotzdem würdigen, wo du gerade stehst.
Aus der Überlieferung
Von Wunjo besitzen wir keine entsprechende Strophe in den norwegischen oder isländischen Runengedichten.
Bei der Entwicklung des Jüngeren Futhark wurde die Runenreihe von 24 auf 16 Zeichen reduziert. Eine eigenständige Wunjo-Rune gehörte deshalb nicht mehr zu diesem Runensystem.
Erhalten blieb sie dagegen in der angelsächsischen Runentradition als Wynn.
Das altenglische Runengedicht beschreibt Freude über ihr Gegenteil.
Freude gehört dort zu einem Menschen, der wenig von Sorge und Schmerz kennt und genügend Wohlergehen, Glück und Sicherheit besitzt.
Das ist für mich ein bemerkenswert ruhiges Bild.
Keine ekstatische Freude.
Kein grenzenloses Glück.
Sondern ein Zustand, in dem genug da ist, um sich wohl und sicher zu fühlen.
Das Runengedicht ist keine historische Anleitung zur Wahrsagung.
Aber es bewahrt ein altes Bedeutungsfeld, das unserer heutigen Wunjo-Deutung ungewöhnlich nahekommt.
Mit Wunjo arbeiten
Ich arbeite mit Wunjo, wenn es um Freude, Harmonie, Gemeinschaft, Zugehörigkeit und das bewusste Wahrnehmen des Guten geht.
Ich nehme sie, wenn ich nach einer schwierigen Zeit wieder Raum für Leichtigkeit schaffen möchte.
Wenn eine Gemeinschaft oder Verbindung gestärkt werden soll.
Wenn ich Dankbarkeit bewusst in meine Arbeit einbeziehen möchte.
Oder wenn ich merke, dass ich so sehr auf das schaue, was noch fehlt, dass ich kaum noch wahrnehme, was bereits da ist.
Dabei verwende ich Wunjo nicht, um unangenehme Gefühle einfach zu verdrängen.
Freude bedeutet für mich nicht, Schatten zu leugnen.
Manchmal ist gerade das Anerkennen dessen, was schwer war, notwendig, damit echte Freude wieder Platz bekommt.
Wunjo soll nichts überdecken.
Sie erinnert mich daran, auch das Licht wieder wahrzunehmen.
Meine Sicht auf Wunjo
Für mich ist Wunjo eine sehr menschliche Rune.
Denn wir sind erstaunlich gut darin, zu sehen, was fehlt.
Das, was funktioniert, wird schnell selbstverständlich.
Das, was wir erreicht haben, wird zum Ausgangspunkt für das nächste Ziel.
Und manchmal merken wir erst, wie wertvoll etwas war, wenn es nicht mehr da ist.
Wunjo erinnert mich daran, vorher hinzusehen.
Freude muss nicht immer groß sein.
Sie kann in einem Gespräch liegen.
In einem Zuhause.
In Menschen, bei denen ich mich nicht erklären muss.
In einem stillen Moment.
Oder einfach in dem Wissen:
Hier gehöre ich hin.
Für mich steht Wunjo deshalb nicht für ein vollkommenes Leben.
Sie steht für die Fähigkeit, Freude, Verbundenheit und das eigene Genug zu erkennen, wenn sie da sind.