
Wyrd

Ich bin Wyrd
Das Unsichtbare und das Gewebe des Schicksals.
Wyrd steht außerhalb der 24 Runen des Älteren Futhark und gehört zu keinem der drei Aettir.
Sie besitzt keinen historischen Lautwert und ist keine fünfundzwanzigste Rune des alten Futhark.
In meinem eigenen Runensatz hat sie trotzdem einen festen Platz – und für meine Runenarbeit eine wichtige Funktion.
Denn nicht jede Frage hat bereits eine fertige Antwort.
Nicht jeder Weg ist vollständig sichtbar.
Und manches entsteht erst durch das, was wir als Nächstes tun.
Schlüsselwörter
Schicksal · Werdendes · Unsichtbares · Verborgenes · Möglichkeit · Verbindung · Ungewissheit · unbekannter Ausgang
Name und Herkunft
Wyrd ist kein erfundener moderner Fantasiename.
Das Wort selbst ist alt.
Im Altenglischen bezeichnete wyrd unter anderem das Schicksal, das Geschehen, ein Ereignis oder das, was einem widerfährt. Sprachlich gehört es zu einem Wortfeld des Werdens und Geschehens und ist mit dem deutschen Wort „werden“ verwandt.
Das finde ich für meine Arbeit besonders passend.
Denn Schicksal bedeutet für mich nicht nur etwas, das irgendwo fertig geschrieben auf uns wartet.
Es ist auch das, was wird.
Was bereits geschehen ist.
Was sich gerade entwickelt.
Und was durch Entscheidungen, Begegnungen, Umstände und Kräfte noch entstehen kann.
Die blanke Rune Wyrd, wie sie heute in manchen Runensätzen verwendet wird, gehört allerdings nicht zum historischen Älteren Futhark.
Sie ist eine moderne Ergänzung.
Für mich nimmt ihr das nichts von ihrer Bedeutung.
Ich arbeite nicht mit ihr, weil ich sie für eine verlorene historische Rune halte.
Ich arbeite mit ihr, weil sie in meinem Runensatz einen Platz ausfüllt, den ich als wichtig empfinde.
Grundbedeutung
Für mich steht Wyrd für das Unsichtbare, das Schicksal, das noch nicht Gewordene und die Zusammenhänge, die ich im Augenblick noch nicht vollständig erkennen kann.
Wenn ich mir Schicksal vorstelle, sehe ich kein fertig geschriebenes Buch.
Ich sehe eher ein Gewebe.
Ein Faden trifft auf einen anderen.
Etwas, das gestern geschehen ist, wirkt heute weiter.
Eine Entscheidung verändert den nächsten Schritt.
Andere Menschen berühren meinen Weg.
Manches kann ich beeinflussen.
Manches nicht.
Und manches erkenne ich erst viel später als Teil eines größeren Zusammenhangs.
Genau dort liegt Wyrd für mich.
Zwischen dem, was bereits geworden ist, und dem, was noch werden kann.
Sie ist deshalb für mich auch nicht einfach eine Rune für „Ich weiß es nicht“.
Das wäre mir zu wenig.
Wenn Wyrd erscheint, kann sie darauf hinweisen, dass eine Antwort noch nicht feststeht, dass etwas verborgen bleibt oder dass die Frage einen Bereich berührt, der sich im Augenblick nicht vollständig öffnen lässt.
Und manchmal ist genau diese Erkenntnis die Antwort.
Wyrd in der Wahrsagung
In einer Runenbefragung besitzt Wyrd für mich eine besondere und wichtige Funktion.
Die anderen Runen geben mir Bilder, Kräfte, Bewegungen und Zusammenhänge, mit denen ich arbeiten kann.
Wyrd kann dagegen einen Punkt markieren, an dem ich anerkennen muss:
Hier ist noch nicht alles sichtbar.
Das kann verschiedene Gründe haben.
Eine Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen.
Eine Entscheidung wurde noch nicht getroffen.
Ein anderer Mensch wird den Verlauf mitbestimmen.
Etwas liegt außerhalb meines Einflusses.
Oder die Frage reicht so weit in die Zukunft, dass zu viele Wege noch offen sind.
Dann frage ich nicht sofort weiter, nur weil mir die Antwort nicht gefällt.
Ich schaue genauer hin.
Was ist bereits erkennbar?
Was ist noch offen?
Wo liegt meine eigene Entscheidung?
Und was muss ich im Augenblick noch nicht wissen?
Wyrd kann in einer Befragung deshalb sehr kraftvoll sein.
Steht sie neben einer Rune wie Jera, kann für mich besonders die Zeit und das Reifen einer Entwicklung wichtig werden.
Neben Perthro kann das Verborgene noch stärker in den Vordergrund treten.
Neben Tiwaz kann die Frage lauten, welche Entscheidung ich selbst treffen muss, obwohl mir der Ausgang nicht garantiert werden kann.
Und neben Dagaz kann etwas bereits an der Schwelle stehen, aber noch nicht vollständig sichtbar geworden sein.
Für mich beendet Wyrd also nicht automatisch eine Deutung.
Sie verändert ihre Richtung.
Die schwierige Seite von Wyrd
Auch Wyrd besitzt für mich Licht und Schatten.
Es kann sehr verführerisch sein, alles dem Schicksal zu überlassen.
„Es soll wohl so sein.“
„Dann kann ich sowieso nichts ändern.“
„Wyrd hat entschieden.“
So verstehe ich diese Rune nicht.
Denn damit würde ich meine eigene Verantwortung aus dem Gewebe herausnehmen.
Wyrd kann deshalb auch auf Fatalismus, Angst vor dem Unbekannten, Passivität oder den Versuch hinweisen, die Verantwortung für eine Entscheidung an das Schicksal abzugeben.
Ebenso kann sie erscheinen, wenn jemand eine Antwort unbedingt erzwingen möchte.
Noch eine Rune.
Noch eine Legung.
Noch einmal dieselbe Frage.
Bis endlich die Antwort erscheint, die man hören wollte.
Dann kann Wyrd für mich sehr deutlich sagen:
Lass die Frage jetzt ruhen.
Nicht jede Tür muss in diesem Augenblick geöffnet werden.
Die Botschaft von Wyrd
Wyrd erinnert mich daran, dass ich meinen Weg niemals vollständig überblicken kann.
Ich kann zurücksehen und Zusammenhänge erkennen.
Ich kann auf das schauen, was jetzt vor mir liegt.
Ich kann Möglichkeiten wahrnehmen.
Aber ich kann nicht jeden Schritt meines Lebens im Voraus kennen.
Und vielleicht wäre ein Weg, dessen jeder einzelne Schritt bereits feststeht, auch gar kein wirklicher Weg mehr.
Wyrd fragt:
Was weißt du bereits?
Was kannst du jetzt entscheiden?
Und was versuchst du zu kontrollieren, obwohl es noch gar nicht entstanden ist?
Für mich liegt darin keine Ohnmacht.
Im Gegenteil.
Gerade weil nicht alles feststeht, besitzt meine Entscheidung Bedeutung.
Ich muss nicht den ganzen Weg kennen, um meinen nächsten Schritt gehen zu können.
Aus der Überlieferung
Hier muss Wyrd anders betrachtet werden als die übrigen Runen meines Runensatzes.
Das Wort wyrd selbst ist altenglisch und in historischen Texten tatsächlich überliefert.
Sein Bedeutungsfeld reicht von Schicksal und Geschick bis zu Geschehen, Ereignis und dem, was einem widerfährt.
Gerade die Verbindung zum Werden finde ich bemerkenswert.
Sie zeigt, dass das alte Wort nicht zwangsläufig nur an ein starres, unabänderliches Schicksal gedacht werden muss.
Die blanke Rune dagegen ist modern.
Sie gehört weder zum Älteren Futhark noch zu den späteren historischen Runenreihen.
Bekannt wurde sie vor allem durch moderne Runenorakel des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch Ralph Blums The Book of Runes aus dem Jahr 1982.
Dort wurde einem Runensatz ein unbeschrifteter Stein hinzugefügt und mit dem Unbekannten und dem Schicksal verbunden.
Meine Verwendung von Wyrd steht deshalb in einer modernen Runentradition.
Ich mache daraus keine verlorene fünfundzwanzigste Rune des Altertums.
Aber ich sehe auch keinen Grund, etwas aus meiner eigenen spirituellen Arbeit auszuschließen, nur weil es jünger ist.
Mein Weg bestand nie darin, möglichst unverändert etwas nachzuahmen.
Ich lerne aus alten Wurzeln.
Und daraus wächst meine eigene Arbeit.
Mit Wyrd arbeiten
Ich arbeite mit Wyrd vor allem dann, wenn es um Schicksalsfragen, offene Entwicklungen, Übergänge und das noch Verborgene geht.
Sie begleitet mich, wenn ich akzeptieren muss, dass etwas noch keine eindeutige Form besitzt.
Wenn ich vor einer Schwelle stehe.
Wenn verschiedene Möglichkeiten nebeneinander bestehen.
Oder wenn ich spüre, dass hinter einer Situation mehr liegt, als ich im Augenblick erkennen kann.
Auch in meiner spirituellen Arbeit hat Wyrd deshalb einen besonderen Platz.
Sie erinnert mich daran, dass nicht alles Sichtbare alles ist, was existiert.
Es gibt Verbindungen, die sich erst später zeigen.
Entwicklungen, deren Sinn ich zunächst nicht erkenne.
Und Momente, in denen meine Intuition etwas wahrnimmt, das mein Verstand noch nicht vollständig zusammensetzen kann.
Dabei ist Wyrd für mich keine Rune, mit der ich das Schicksal beherrschen möchte.
Ich arbeite mit ihr, um dem Unbekannten Raum zu geben.
Um hinzusehen.
Um wahrzunehmen.
Und manchmal auch, um eine Frage bewusst offen zu lassen.
Denn auch das gehört für mich zur Runenarbeit.
Meine Sicht auf Wyrd
Wyrd ist für mich nicht einfach der Stein, der übrig bleibt, wenn alle Zeichen vergeben sind.
Sie ist auch keine leere Stelle.
Ihre Leere ist für mich ihr Zeichen.
Denn gerade weil auf ihr keine Rune steht, legt sie mich nicht auf ein einziges Bild fest.
Sie erinnert mich an das, was noch keine Form bekommen hat.
An das, was ich noch nicht sehen kann.
An Möglichkeiten.
An Entscheidungen.
An Begegnungen, die noch vor mir liegen.
Und an das Gewebe, das aus all diesen Dingen entsteht.
Deshalb ist Wyrd für mich in einer Befragung wichtig.
Wenn sie fällt, nehme ich sie ernst.
Ich lege sie nicht zur Seite, weil sie „eigentlich keine Rune“ ist.
Historisch gehört sie nicht zum Älteren Futhark.
In meiner Runenarbeit gehört sie dazu.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Für mich bedeutet Schicksal außerdem nicht, dass irgendeine unsichtbare Hand jeden einzelnen meiner Schritte bereits festgelegt hat.
Ich sehe es eher wie ein Gewebe.
Einige Fäden waren schon da, bevor ich an diesen Punkt kam.
Andere kommen durch Menschen hinzu, denen ich begegne.
Manche Ereignisse kann ich nicht verändern.
Aber auch ich halte Fäden in der Hand.
Ich entscheide.
Ich handle.
Ich verändere.
Und dadurch verändert sich auch das Muster.
Wyrd erinnert mich deshalb an etwas, das für meinen ganzen Weg wichtig ist:
Nicht alles liegt in meiner Hand. Aber das bedeutet nicht, dass ich keine Hand im Spiel habe.
Ich darf dem Unsichtbaren vertrauen.
Ich darf eine Antwort noch nicht kennen.
Ich darf einen Weg beginnen, ohne zu wissen, wo jede seiner Kurven liegt.
Und manchmal darf ich einfach anerkennen:
Es ist noch nicht alles geworden.